Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet sein, sich auf
manche Personen und Gegenstände beziehen, und sie ist es eigentlich,
die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten weiß, in einer schönen
Folge glücklich macht. Es ist einer eignen Betrachtung wert, dass die
Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleidenschaft
setzen kann: Sie fordert nicht sowohl eine anmutige als bequeme
Gegenwart; alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört viel dazu,
ein gewohntes Verhältnis auszuheben; es besteht gegen alles
Widerwärtige; Missvergnügen, Unwillen, Zorn vermögen nichts gegen
dasselbe; ja es überdauert die Verachtung, den hass. Ich weiß nicht,
ob es einem Romanschreiber geglückt ist, dergleichen vollkommen
darzustellen, auch müsste er es nur beiläufig, episodisch
unternehmen; denn er würde immer bei einer genauen Entwicklung mit
manchen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben.
-- Goethe, Maximen und Reflexionen, Nr. 1280
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